Adam Schaf hat Angst
Geschichte:
Adam Schaf, alternder Schauspieler, wartet in seiner Garderobe auf den nächsten Auftritt und lässt dabei noch einmal die Stationen seiner Karriere Revue passieren. Er verliert sich in Erinnerungen an seine Vergangenheit, mit seiner Sicht auf das Theater und sein Leben zieht er zugleich die Bilanz einer ganzen Generation. In seiner Garderobe darf er sich der Illusion hingeben, ein Held zu sein, gleichzeitig bravouröser Geschichtenerzähler und visionärer Prophet. Von hier aus will er alle Übel der Welt benennen und bannen. Am liebsten aber lächelt er über den ewigen Kampf zwischen dem Männlichen und dem Weiblichen.
Legende 3:
Es ist die Legende, ein Künstler habe das Recht und die Pflicht, sich auf alle Übel dieser Welt stürzen zu dürfen. Da werden unumwunden boshafte Wahrheiten besungen, beispielsweise über Politiker, die versprechen, ihre Wähler wie Schafe von einer blühenden Landschaft zur nächsten zu geleiten. Adam Schaf macht da als neuer Urmensch aus seinem Herzen keine Mördergrube: „Ich schwärme nun mal fürs Illegale. Für mich sind Gesetze völlig ohne Sinn. Was legal ist, ist für mich das Abnormale. Danken Sie Gott, dass ich nicht Bundeskanzler bin.“ Georg Kreisler, komponierender Kabarettist und Satiriker, ist wie stets spitzfindiger, subtiler und angriffslustiger Ankläger. Der Blick des Autors geht boshaft, humorvoll und unverblümt unter die politische Gürtellinie.
Alle Termine:
  • 22. Okt. 2011, 20.00 Uhr

Ein letztes Mal die Diva spielen

09.11.2010
Recklinghäuser Zeitung
Bernd Aulich

Dieser Schauspieler hat eine seltsame Marotte. Seit vier Jahrzehnten harrt er zwei Stunden vor seinem Auftritt in der Garderobe aus. Dabei dauert sein Auftritt gerade mal zwei Minuten. In jungen Jahren hat er den Herzensbrecher Tassilo in „Grafin Mariza“ gespielt. Als jugendlicher Held ist der alt gewordene Darsteller nicht mehr gefragt. Geblieben ist ihm nur die bescheidene Rolle des Dieners Tschekko. Und fast fühlt man sich an den alten Firs in Tschechows „Kirschgarten“, den die abreisende Jugend als Relikt aus einer anderen Zeit einfach vergessen hat. „Adam Schaf hat Angst“ heißt Georg Kreislers Musical für einen singenden Schauspieler, in dem Mark Weigel im Kleinen Haus des Musiktheaters im Revier (MiR) just jene zwei Stunden lang dem kleinen Auftritt einen großen in der Garderobe vorwegnimmt. Hier zieht er alle Register zwischen Wiener Schmäh, doppelbödiger Travestie als Diva mit homoerotischen Zügen und leiser Melancholie, die ihm besonders liegt. In ihrem Regie-Debüt hat ihm die junge Regisseurin und Kreisler-Kennerin Sandra Wissmann weitaus mehr spielerischen Witz zugedacht als Kreisler. Dem Wiener Spötter ging es nur um verbindende Texte zwischen seinen Liedern, als er 2002 mit 80 ein Gegenstück zu seinem für nur eine Darstellerin geschriebenen Bühnen-Hit „Heute Abend: Lola Blau“ schrieb. An der neuen Fassung der Regisseurin hat Weigel mitgewirkt. Und das größte Vergnügen bietet zweifellos seine verblüffende Wandlungsfähigkeit in der Paraderolle eines alt gewordenen Griesgrams, der es noch mal wissen will und deshalb mit Wiener Schmäh nach Kreisler-Art kräftig austeilt. Auch das berüchtigte Gelsenkirchen-Lied steht auf dem Programm. 1961 erzürnte es die Stadtväter noch durch seine Bosheit. Heute ist das Publikum bei diesem Lied außer sich vor Begeisterung. Askan Geisler am Klavier begnügt sich nicht mit der Rolle des Begleiters. Er befeuert Weigel als mitdenkender Mitgestalter, der nicht nur den dreisten, mitunter platten Übermut der Lieder ausreizt, sondern Kreislers eingängiger Musik auch feinere Herzensregungen ablauscht.

Ein Geschenk

25.10.2010
Westdeutsche Allgemeine Zeitung (Kultur)
Wolfgang Platzeck

Vor 43 Jahren hat er den Grafen Tassilo in Emmerich Kalmáns Operette „Gräfin Mariza“ gespielt – jetzt ist Adam Schaf nur noch für die dreieinhalb-Minute-Sprechrolle des Dieners Tschekko gut. Doch der pingelige Schauspieler-Sänger, der seit 40 Jahren exakt zwei Stunden vor Vorstellungsbeginn in der Garderobe eintrifft, auch weil seine Konzentration gewohnheitsmäßig erst zwei Stunden vorher einsetzt, dieser lebenslange Arbeiter an Menschenbildern befreit sich selbst vom Schatten der Resignation und Melancholie durch einen kleinen Selbstbetrug. Rollenschwund? „Ob kleine oder große Rollen ist für mich kein Problem; das Problem ist: wie fülle ich sie aus?“ Der Ausspruch stammt nicht von Georg Kreisler, sondern vom großen Bernhard Minetti. Eingefügt hat ihn im Kleinen Haus ein wunderbares Team, das aus dem Musical „Adam Schaf hat Angst“, das eigentlich kaum mehr ist als eine locker verknüpfte Abfolge bekannter und weniger bekannter Songs, ein Herz und Hirn anrührendes Dramolett macht. Dabei bleibt bei Sandra Wissmann (erste eigene Regiearbeit), Anna Grundmeier (erste eigene Dramaturgie) und Mark Weigel alles hundertprozentig Kreisler. Durch kleine, unaufdringliche Texterweiterungen – Erklärungen, Reflexionen, Erinnerungssplitter wie in einem Selbstgespräch – und durch sinnfällige Änderung der Liedfolge erhält die Vorlage aber eine völlig neue Erzählstruktur. Es kommt, mit Minetti, darauf an, wie man eine Rolle füllt. Mark Weigel, mit einer exzellenten Tenor-Stimme ausgestattet, ist im Kleinen Haus der Adam. Wie dieser Schauspieler, von Askan Geisler am Klavier feinfühlig und bemerkenswert zurückhaltend begleitet, die Stationen eines Lebens als Schauspieler, Musiker und Mensch Revue passieren lässt, mit sparsamen Mitteln Rollen und Lebensalter wechselt, wie er all die schwankenden Empfindungen und Gefühlsregungen bis ins Details auslotet und dabei peu a peu nicht nur eine Seelenlandschaft, sondern das Panorama einer ganzen (Nachkriegs-)Epoche entfaltet und im Heute spiegelt, das ist ein Geschenk. Zumal er, von Wissmann zwei kurze Stunden lang einfühlsam geführt, bei den auch in der Melancholie witzig-sarkastischen Liedern eben nicht jenen beliebten ätzend-scharfen Kreisler-Ton anschlägt, der aus dem herrlichen Musik-Drama leicht das sattsam vertraute Kleinkunst-Kabarett hätte machen können. Größeren, bedingungsloseren Beifall hat das MiR in dieser Spielzeit noch nicht erlebt.

Paraderolle für Comedian

25.10.2010
Ruhr-Nachrichten
Heinz-Albert Heindrichs

„Adam Schaf hat Angst“ – so heißt das Ein-Mann-Musical von Georg Kreisler, das er 2002, damals achtzigjährig, in Berlin zur Uraufführung brachte und das jetzt im Kleinen Haus des Musiktheaters im Revier seine für Heiterkeit sorgende Premiere erlebte. Das Stück für einen singenden Schauspieler und einen Pianisten besteht aus zwanzig kabarettistischen Chansons, unter denen sich auch das 1961 entstandene „Das gibt es nur bei uns in Gelsenkirchen“ befindet, ein Wiener Schmählied auf die neureiche, aber im Kohlenstaub versinkende Stadt, das Gelsenkirchens damalige Stadtväter in helle Empörung brachte, jetzt aber mit süffisantem Lächeln quittiert wird: denn die Luft im Ruhrpott ist heute allemal besser als die im dunstigen Wien. (...) Für die Partie des Adam Schaf hat das Theater den Comedian und Tenor Mark Weigel gewinnen können, den viele aus den Comedyshows bei RTL kennen, und er macht aus dem Adam geradezu eine Paraderolle. Zusammen mit der jungen Regis-seurin Sandra Wissmann, die übrigens aus Wattenscheid stammt, hat er Kreislers Texte geschickt aktualisiert und auf die heutige Revierszene zugeschnitten – und ihn, den geborenen Komödianten, so präzis agieren zu sehn und singen zu hören, ist zum einen als künstlerische Leistung bewundernswert, vor allem aber für das hiesige Publikum höchst amüsant und unterhaltsam. Trotz der charmanten Bissigkeit der Texte und der Situationskomik mancher Sze-nen sind die stilleren, elegischen Passagen des Stücks, die zum Ende hin zunehmen, die stärksten. Man könnte dieses Einmann-Musical durchaus als eine Fortsetzung der Schubertschen oder auch Mahlerschen Liederzyklen hören, zumal Kreislers musikalisches Material ja kaum über das der Wiener Klassik hinausgeht, aber dem Pianisten mitunter eine gewagte Virtuosität abverlangt. Was Gelsenkirchens junger Kapellmeister Askan Geisler indes aus dem Klavierpart Kreislers macht, wie er ihn spielt und durchgestaltet, das ist geradezu phänomenal. Geisler, der in Essen studiert hat und 1998 den begehrten Folkwangpreis für Klavier gewann, ist zweifellos der musikalische Kopf, der seinem Partner Mark Weigel erst die außerordentliche Präsenz abverlangt."

Adam Schaf hat Angst

30.10.2010
Sonntagsnachrichten Herne
Pitt Hermann

(...) „Das gibt es nur bei uns in Gelsenkirchen“: Doch die Zeit ist nicht stehen geblieben, es gibt keinen besseren Beleg als das berühmte Schmählied auf die einstige Bergbaumetropole an der Emscher, Ende Oktober 1961 entstanden nach Problemen von Kreislers in Gelsenkirchen engagierter Gattin Topsy Küppers mit der Direktion der damals noch Städtischen Bühnen. Es gehört heute zu den Klassikern der „alten bösen Lieder“ wie „Tauben vergiften“, auch wenn sich das mit der „Brennstoffzelle“ und all' den anderen, einst als skandalös empfundenen Versen längst erledigt hat. Georg Kreisler nahm „Gelsenkirchen“ in zahlreiche Brettl-Produktionen der 70er Jahre auf, aus denen überhaupt der Großteil der Lieder seines 2002 am Berliner Ensemble uraufgeführten Ein-Mann-Musicals „Adam Schaf hat Angst“ stammt, rund die Hälfte aus den drei Kabarettprogrammen „Allein wie eine Mutterseele“, „Mit dem Rücken gegen die Wand“ und „Wo der Pfeffer wächst“. Sandra Wissmann und Mark Weigel haben nun auf der Basis einer von Kreisler überarbeiteten Musical-Fassung, die vor vier Jahren im Schmidt-Theater am Spielbudenplatz auf St. Pauli umjubelte Uraufführung feierte, eine mit reichlich Lokalkolorit angereicherte Backstage-Comedy erarbeitet, die freilich eher melancholisch-resignativ daherkommt als gallig-böse. Was manchen Fan des „Dichterkomponistchansonnierpianisten“ (Hans Weigel) enttäuschen mag. Für den Mark Weigel und sein kongenialer Partner am Flügel, der junge musikalische Leiter Askan Geisler, allerdings auch Schmäh-Zuckerl wie „Die kleine Nachtmusik“, „Die Reise nach Jerusalem“ und „Sie sind so mies“ ins Programm der zwanzig Chansons aufgenommen haben.

Audio: Adam Schaf hat Angst

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VON GEORG KREISLER
TEXT VOM KOMPONISTEN
UA 2002
Wiederaufnahme
22. Oktober 2011