Die Frau ohne Schatten
Der Kaiser hat im Wald eine weiße Gazelle erjagt, die sich vor seinen Augen in eine wunderschöne Menschenfrau verwandelt. Er macht sie zu seiner Kaiserin und ist fortan des Nachts ein ungestümer Liebender und am Tag ein fanatischer Jäger. Doch der Liebe ist eine Frist gesetzt, denn die Kaiserin ist die Tochter des mächtigen Geisterkönigs Keikobad, der der Verbindung einen Fluch eingegeben hat: Wenn es der Kaiserin nach Ablauf eines Jahres nicht gelingt, einen menschlichen Schatten zu werfen, das heißt, fruchtbar zu sein wie die Menschen und Mutter zu werden, muss der Kaiser lebendig versteinern und die Kaiserin ins Reich ihres Vaters zurückkehren. Als die Kaiserin von diesem Fluch erfährt, ist der Kaiser zu einer mehrtägigen Jagd aufgebrochen und ihr bleiben nur noch drei Tage, das Unheil abzuwenden. In ihrer Verzweiflung bittet sie ihre Amme, ihr den notwendigen Schatten zu verschaffen. Die Amme führt die Kaiserin in die Behausung des gutmütigen Färbers Barack und seiner unzufriedenen Frau. Die Färberin verweigert sich dem Mann, dem sie verheiratet wurde und will keine Kinder bekommen. Die Amme versucht sie durch schmeichelhafte Versprechen dazu zu verführen, ihren Schatten herzugeben. Doch der menschliche Instinkt hält die verzweifelte Frau vor dieser Tat zurück. Als die Auseinandersetzungen mit ihrem Mann schließlich den Höhepunkt erreichen und die Färberin vorgibt, den Ehemann betrogen und ihre Fruchtbarkeit verkauft zu haben, erhebt der erzürnte Barack das Schwert gegen sie. Eine überirdische Macht trennt das Paar, das in diesem Augenblick seine Liebe zueinander erkennt. Die Kaiserin dagegen findet sich vor einem Tempel wieder, in dem sie den schon beinah versteinerten Kaiser erblickt. Vor ihr erscheint das Wasser des Lebens und eine Stimme verheißt ihr den Schatten der Färberin und die Erlösung des Kaisers, wenn sie trinke. Doch die Kaiserin ist nun selbst beinah ein Mensch und fühlt Mitleid mit dem Menschenpaar. Sie widersteht der Versuchung und trinkt nicht.
Die vierte Zusammenarbeit von Hugo von Hofmannsthal und Richard Strauss gehört zum Fantastischsten und Tiefgründigsten der Opernliteratur. Sie fällt in eine Zeit, die Europa am Abgrund des Ersten Weltkrieges zeigt und entscheidend für ein ganzes Jahrhundert werden sollte. Bereits 1911 beschäftigte sich Hofmannsthal mit diesem „Zaubermärchen“, das sowohl in den Märchen aus Tausend und einer Nacht als auch in der „Zauberflöte“ seine Wurzeln hat und gibt ihm doch einen neuen Sinn, der deutlich unter dem Eindruck der Zeit steht: ein lähmendes Grauen in der unsichtbaren Figur des Geisterkönigs Keikobad, die kriegerische Getriebenheit des Kaisers und die Angst der Kaiserin davor, ein Mensch zu sein und als solcher zu bestehen. Richard Strauss schreibt zu diesem Epos eine überirdisch schöne Musik, die den Meister der Romantischen Musik auf dem Höhepunkt seines Könnens zeigt. In den Wirren des Ersten Weltkriegs vollendet, wurde es erst 1919 in Wien uraufgeführt und verblüfft in seiner Deutungsvielfalt bis heute.
Alle Termine:
  • 28. Sep. 2014, 18.00 Uhr

Im Dunstkreis der Katastrophe

07.10.2014
Recklinghäuser Zeitung
Bernd Aulich

Die mythenschwangere „Frau ohne Schatten“ ist eine der großen Herausforderungen der Operngeschichte. Es wirkt schon tollkühn, wenn sich ein keineswegs auf Rosen gebettetes Haus wie das Musiktheater im Revier (MiR) eines solch aufwändigen Brockens bemächtigt. Doch das Wagnis hat sich gelohnt.

Hugo von Hofmannsthal als Autor hat das monströse Werk mit rätselhaften Mythen und einer Fülle von Motiven aus der Weltliteratur überfrachtet. Und Komponist Richard Strauss hat sein „Sorgenkind“ ins Bombastische geweitet. Dennoch ist dem Gelsenkirchener Haus eine musikalisch prächtige, von einem hingerissenen Publikum umjubelte hellsichtige Parabel über die Menschlichkeit in unmenschlichen Zeiten geglückt. Eine durch entschlossene Kreativität und künstlerische Redlichkeit packende Ensembleleistung, die wohl nur gelingen kann, wenn eine Stadt auch in schwierigen Zeiten zu ihrer Bühne steht.

Die nach dem Untergang der Donau-Monarchie 1919 in Wien uraufgeführte Märchenoper in der Zeit ihrer Entstehung während der Menschheitskatastrophe des Ersten Weltkrieges spielen zu lassen, ist keine neue Idee. Schon Götz Friedrich hat das 1987 in Stuttgart vorexerziert. Dem MiR-Hausherrn Michael Schulz glückt in seiner szenischen Koproduktion mit dem Staatstheater Kassel ein überzeugender Spagat. Die irdische Sphäre des armen Färber-Ehepaares Barak verweist ebenso schlüssig wie eindimensional und nur im ersten Akt allzu plakativ auf das Desaster des Ersten Weltkriegs. Den überirdischen Mächten des nur musikalisch in einem fallenden Dreiton-Motiv erscheinenden Geisterkönigs Keikobad indes belässt die Inszenierung das rätselhaft Mehrdeutige. Es wird zum Ausdruck diffuser Angst. Sie kulminiert am Ende des bis ins Detail dichten zweiten Aktes, wenn Übermächte auch musikalisch die Welt erschüttern, szenisch überzeugend als mörderische Giftgas-Attacke.

Der Krieg als Prüfung für das Überleben des Menschlichen – das ist hier das große Thema der von Hofmannsthal und Strauss ersonnenen spätbürgerlichen Neuauflage der „Zauberflöte“. Auf sie verweist der etwas schnöde zitierte Schinkelsche Sternenhimmel auf dem Vorhang der einleitenden Szene. Sie gibt den Blick frei auf Dirk Beckers Einheitsbühne, ein alles andere als lichtes Gewächshaus wuchernder Neurosen. In der Färberhütte werden Uniformen wiederaufbereitet, bevor sie sich zum Lazarett verwandelt. Hier reift die Kaiserin, Keikobads Tochter, indem sie ihr Mitgefühl mit der leidenden Menschheit entdeckt und darauf verzichtet, der Färberin den Schatten als Symbol weiblicher Fruchtbarkeit abzutrotzen. Yamina Maamar als strahlende, auch in extremer Höhe von schärfen freie Kaiserin, Gudrun Pelker als Strippen ziehende, hintergründige Amme, Sabine Hogrefe als nuancenreiche, dynamisch kraftvolle Färberin und Urban Malmbergs konturenstark gezeichneter Barak – das ist eine Top-Besetzung neben kleineren Partien wie Dorin Rahardja als Falke im feuerroten Piloten-Dress. Leider mangelt es Martin Homrichs Tenor als Kaiser trotz klarer Höhe an heldischem Format.

Der klare analytische, nicht plump kulinarische Zugriff des neuen Generalmusikdirektors Rasmus Baumann, der die Sänger auf Händen trägt, steht Strauss gut zu Gesicht. Mitreißend statt überwältigend, mit apokalyptischer Zuspitzung und schwelgendem lyrischen Verharren verdeutlicht die Neue Philharmonie Westfalen, wie sehr die Musik der „Frau ohne Schatten“ von der sinnlichen Raffinesse der „Salome“, den Ekstasen der „Elektra“ und dem pointierten Kammerton der „Ariadne“ zehrt.

Vom Grauen des Krieges

01.10.2014
Revierpassagen
Redaktion

Diese Oper ist eine in Töne gegossene Überforderung. „Die Frau ohne Schatten“ von Richard Strauss verlangt ein mit rund 100 Musikern besetztes Orchester samt Orgel, Glasharmonika, chinesischen Gongs, TamTams, Wind- und Donnermaschine, einem Bläserseptett hinter der Szene und zwölf Blechfanfaren.

Hinzu kommen fünf stimmgewaltige Solisten für die Hauptpartien, Chöre und Kinderchöre sowie zahlreiche Statisten. Maßlos auch in ihren musikalischen Anforderungen, wurde die Märchenoper zu Strauss’ Lebzeiten öfter abgesagt als aufgeführt. Jetzt hat Gelsenkirchens Musiktheater das Renommierstück auf seinen Spielplan gehoben. Mit einer zuvor bereits in Kassel gezeigten Inszenierung seines Intendanten Michael Schulz startet das Haus höchst ambitioniert in die neue Spielzeit.

In der Region war „Die Frau ohne Schatten“ zuletzt am Essener Aalto-Theater zu sehen. Fred Berndt ließ sie dort auf einer zeitlosen Drehscheibe im Zeichen des Yin und Yang spielen. Bei Michael Schulz wird der monumentale Dreiakter zum düsteren Kriegsstück, überschattet von seiner Entstehungszeit zwischen 1913 und 1917. Der Kaiser ist ein ganz realer Herrscher: Zu Stein wird er nicht so sehr deshalb, weil die Kaiserin keinen Schatten wirft – also keine Kinder bekommen kann – sondern durch die fortschreitende Brutalität, mit der er seinen Machtanspruch behauptet. Der Färber Barak und seine Frau mühen sich mit einem Berg von Militärmänteln ab. Der Hurra-Patriotismus des Volkes, das im ersten Akt noch fleißig Fahnen schwenkt, wird alsbald von deprimierender Not gedämpft.

Wer diesen Regie-Ansatz als Trittbrettfahrerei im aktuellen Gedenkjahr abtun möchte, hat indes Unrecht, denn die faszinierend enigmatische Parabel von der Menschwerdung gewinnt aus dieser Perspektive neue Bedeutung. Sie berührt Fragen, die aktuell geblieben sind: Wie sehr und aus welchen Gründen werden Kinder eigentlich gewünscht? In welcher Welt werden künftige Generationen groß? Die pazifistische Botschaft des Stücks wirkt durch diesen Ansatz nicht wie sonst wolkig und lebensfern, sondern quälend und dringlich.

Das lähmende Grauen, das von dem unsichtbaren Geisterfürsten Keikobad ausgeht, entspricht den Monstrositäten eines Krieges, der dem Verstand ähnlich unbegreiflich bleibt. Mag die Inszenierung auch ein paar Schwachstellen haben, wenn allzu ausgiebig an Wunden gelitten wird oder ein eher sinnfreies Stühlerücken anhebt, entlockt sie der Partitur Bilder, die mal tief berühren, mal mächtig an den Nerven rütteln. Ohne sich in der rätselhaften Symbolik des Werks zu verstricken, zeichnet sie den Weg zweier Paare nach, die wie in der „Zauberflöte“ harte Prüfungen bestehen müssen, um (wieder) zueinander zu finden.

Mit Bezug auf Mozart zitiert die Bühne von Dirk Becker zunächst den berühmten Schinkel-Sternenhimmel, der von einem zeltartigen Vorhang freilich recht lieblos verunstaltet wirkt. Dafür wird das zweite Bild zum großen Wurf: eine Halle aus Glas und Metall, in der Arbeit und Elend nahe beieinander liegen. Düster und transparent zugleich, birgt sie Türen, Treppen und eine Brücke. Geister- und Menschenwelt treffen hier aufeinander, und es fragt sich nicht selten, welche von beiden gruseliger ist.

Im Orchestergraben, es ist kaum zu glauben, schafft die Neue Philharmonie Westfalen tatsächlich die große Synthese, die Strauss in „Die Frau ohne Schatten“ anstrebte. Die unbarmherzige Wucht der Elektra, das schillernde Farbenspiel der Salome, die kammermusikalische Feinheit der Ariadne und sogar der melodische Reichtum des Rosenkavaliers entfalten sich unter dem verblüffend ruhigen, gestisch eher sparsamen Dirigat von Rasmus Baumann, der seiner Lieblingsoper selbst in den wuchtigsten Klangeruptionen eine Aura der Transparenz lässt. Die klangliche Überfrachtung der Partitur wird so zum vielschichtigen, aufregenden Erlebnis.

Von den fünf kapitalen Hauptpartien sind die männlichen etwas schwächer besetzt als die weiblichen. Martin Homrich gibt dem Kaiser einen hellen, häufig unfokussiert flackernden Tenor mit einigen Intonationsproblemen. Urban Malmberg lässt seinen Bariton in der Rolle des Färbers Barak durchaus balsamisch strömen, kann im finalen Jubel aber keine Reserven mehr aktivieren. Das sieht bei den Sängerinnen anders aus: So keifend Sabine Hogrefe als Färberin auch ihrer Frustration Luft macht, so besitzt sie am Ende noch genug Kraft für den Wandel zu glühender Reue. Gudrun Pelker lässt die Stimme der Amme zwischen diabolischen Tiefen und schneidendem Kommandoton flackern, dass es manche Gänsehaut garantiert.

Und dann ist da noch Yamina Maamar: eine würdige Kaiserin, die von den erdenfernen Höhen des ersten Aktes an zu Tönen einer wachsenden Empathie für alles Menschliche findet. Da setzt sich eine Wärme durch, ein mitfühlendes Wissen, aus dem heraus die Kaiserin lieber auf ihr persönliches Streben nach Glück verzichtet, als zwei ohnehin geschundenen Menschen die letzte Chance darauf zu nehmen. Unerwartet, wahrscheinlich für sie selbst überraschend, schüttet diese große Frau das vermeintlich rettende Wasser des Lebens weg. „Ich will nicht“: Diese drei leisen Worte des Verzichts führen letztlich zur Erlösung.

DIE FRAU OHNE SCHATTEN

06.10.2014
Neuer Merker
Christoph Zimmermann

Im Strauss-Jahr als repräsentative Produktion die „Frau ohne Schatten“ zu wählen, macht besonderen Sinn. Immerhin umschließen die Jahre ihrer Entstehung (1913-1919) die des ersten Weltkrieges, an den derzeit ja auch nachdrücklich erinnert wird. Aus diesem Faktum leitet MICHAEL SCHULZ, Intendant am Musiktheater im Revier (MiR), seine interpretatorische Grundidee her. Die Inszenierung war am koproduzierenden Staatstheater Kassel bereits im Mai dieses Jahres zu sehen, von dort wurde auch die Statisterie übernommen.

Strauss war ein ausgesprochen ich-bezogener Mensch und Künstler. An seinen Werken hing er, da mochte ruhig die Welt um ihn herum untergehen. Die nach 1945 komponierten „Metamorphosen“ sind – so meint man es jedenfalls zu hören – wirkliche Schmerzensmusik. Aber Strauss trauerte vor allem um den Untergang vieler Opernhäuser, die nun (bis auf weiteres) seine Bühnenwerke nicht mehr würden spielen können. Mitten im Zweiten Weltkrieg tändelte er bei „Capriccio“ um das ewige Wort-Ton-Verhältnis herum, als ob damals kein wichtigeres Thema angestanden hätte. Nun gut, es gab immerhin „Friedenstag“. „Frau ohne Schatten“ wurde zwar schon vor dem Ersten Weltkrieg begonnen, geriet dann aber doch zu einer Vogel-Strauss-Oper. In jüngerer Zeit haben zwei Inszenierungen den Finger auf die Wunde gelegt: Peter Konwitschny mit „Daphne“ 1999 in Essen (Schlussszene) und Christian von Götz mit „Capriccio“ (Edinburgh 2007, anschließend Köln 2009).

Michael Schulz beginnt mit einem neutralen Bild (Auftritt Kaiser). Die nachfolgende Szene der Kaiserin gibt mit dem symmetrischen „Zauberflöten“-Himmel Friedrich Schinkels von 1816 einen Verweis darauf, dass Strauss und sein Librettist Hugo von Hofmannsthal bei ihren Stoffvorlagen u.a. Mozarts Oper im Visier hatten. Von diesem „unschuldigen“ Ambiente führt die Inszenierung aber bald in eine gefährdete Realität, die nämlich des Krieges. In einer Fabrikhalle (Ausstattung: DIRK BECKER) arbeitet das Färber-Ehepaar lädierte Kriegskleidung auf. Die Brüder Baraks sind bereits zu Krüppeln geworden. Dessen Mitgefühl für sie überträgt sich auf viele andere, welche sich zu ihm flüchten. Auch die Färberin wird, trotz aller zur Schau getragenen Härte, von all dem Leid angerührt (Finale 1. Akt). Schulz gönnt dieser Frau auch ansonsten etliche Akzente der Anteilnahme. Ein kurzes Streichen durch Baraks Haar zeigt an, dass in ihrem Geifern gegen den Gatten viel Aufgebauschtes mitschwingt. Auch die Amme zeigt in einer stummen Hintergrundszene mit dem „Jüngling“ irgendwann, dass ihr Menschenhass Grenzen kennt.

Die problematischste Figur der Oper ist der Kaiser. Ihn als „Jäger und Verliebten, uns sonst nichts“ zu charakterisieren, ist noch höflich. In Gelsenkirchen wird er (von RENÉE LISTERDAL in eine Uniform gesteckt) sogleich als Militarist vorgeführt. Er muss die Kaiserin mit seiner Mannespotenz in der „Trunkenheit der ersten Stunde“ wohl überwältigt haben. Aber das noch unreife Mädchen lebt eine rein intuitive, naiv begeisterte Liebe, findet erst langsam, dann allerdings umso überzeugter zu Mitleidsfähigkeit. Dass ihr Gatte, welcher in einer Szene Exekutionen ausführt, ein brutaler Hund ist (das “Er wird zu Stein“ kann man jetzt als Verhärtung des Herzens auslegen), will die Kaiserin auch am Schluss nicht ganz wahrhaben und fügt sich seiner kalten Dominanz. Der finale Hymnus ist eine Zeremonie, wo immer noch der Mann das Sagen hat. Den überfrohen Barak lässt der Potentat nicht an sich heran. Zuletzt wird noch ein Delinquent zum Erschießen geführt. Der C-Dur-Jubel von Straussens Musik samt Kinder-Raunen bleibt äußerliches Dekor.

Nicht alle Assoziationen von Michael Schulz mögen völlig aufgehen (der Cello und Violine top-synchron spielende „Jüngling“ INGO SCHILLER beispielsweise ist lediglich eine romantische Figureneinblendung), aber sie wirken – jenseits von Märchengeheimnissen angesiedelt – hintergründig und schmerzhaft. So darf, so muss man mit Strauss umgehen. Die Publikumsreaktionen in der Premiere waren dem Vernehmen nach durchwachsen, die besuchte 2. Vorstellung (bestens besucht und mit viel Senioren-Anteil) wurde einschränkungslos bejubelt.

Nun hat das MiR aber auch ein exzellentes musikalisches Team zur Hand. RASMUS BAUMANN lädt mit der NEUEN PHILHARMONIE WESTFALEN die breite Ausdruckspalette der Strauss-Musik wie mit Feuerflammen auf, beschwört aber auch ihre fragilen Klangreize höchst subtil. Bei den Gastsängern besticht vorrangig SABINE HOGREFE als Färberin mit großem vokalen Emotionsradius und liefert auch darstellerisch markante Impulse. YAMINA MAAMAR als Kaiserin verzehrt sich förmlich im Singen, eine leicht grelle Höhe lässt sich in Kauf nehmen. Den Kaiser gibt MARTIN HOMRICH sattelfest, aber nicht sonderlich strahlend. URBAN MALMBERGs Barak-Porträt ist ausgesprochen sympathisch, als Sänger kommt er konditionsmäßig freilich an Grenzen. Dass er vor einigen Jahren den Wotan verkörperte, möchte man so recht nicht glauben. In die Rolle der Amme wirft sich Ensemblemitglied GUDRUN PELKER mit stimmlicher und darstellerischer Verve hinein. Diese Partie liegt ihr ungeachtet der hohen konditionellen Anforderungen besser als kürzlich die Küsterin in „Jenufa“. Ein properes Trio von Barak-Brüdern ist mit PIOTR PROCHERA, JOACHIM G. MAAß und WILLIAM SAETRE zu sehen. Den Falken verkörpert DORIN RAHARDJA als Soldatin, mit welcher der Kaiser eine Liaison hat, bevor er sie absticht. Etwas zu röhrig klingt der Geisterbote von DONG-WON SEO.

Die Aufführung gibt zu mancherlei Nachdenken Anlass und dringt in ihren besten Momenten in die „Tiefe des Herzens“. Das ist viel, sehr viel.

Märchenoper im Weltkrieg

30.09.2014
Westdeutsche Allgemeine Zeitung (Kultur)
Elisabeth Höving

Richard Strauss‘ Märchenfiguren tragen Pickelhaube, Gasmaske und mausgraue Uniform. Regisseur Michael Schulz spaltet mit seiner Sicht auf die monumentale Zauberoper „Die Frau ohne Schatten“ am Musiktheater im Revier das Publikum. Für seine konsequente, gelungene Verortung des mystisch überfrachteten Stoffs rund um Menschwerdung, Mutterschaft und die Macht der Liebe mitten im Albtraum des Ersten Weltkriegs, der Entstehungszeit der Oper, erntete der Intendant zur Spielzeiteröffnung gleichermaßen Bravos und Buhrufe.

Schulz hinterfragt mit seinem kriegsbildlichen Regietheater stimmig den teils kruden Märchenstoff Hugo von Hofmanns­thals. Wo bei Strauss am Ende die Erlösung einer Frau ohne Schatten, einer kinderlosen Frau, gefeiert wird, blickt das Musiktheater in die Zukunft – da drohen mit dem aufziehenden Zweiten Weltkrieg noch tiefere Abgründe. Wenn die beiden Paare fröhlich ihre noch ungeborene Kinderschar begrüßen, blickt von oben ein Militär eiskalt auf die Festschar – auf frisches Kanonenfutter. Ein packender Gänsehautmoment.

Das Gelsenkirchener Opernhaus konnte das mit rund 400 Darstellern opulent besetzte, fast vierstündige Werk in einer Koproduktion mit dem Staatstheater Kassel stemmen, auf einem musikalisch überaus hohen Niveau. Auf einer Einheitsbühne von Dirk Becker, einem gigantischen Jugendstil-Gewächshaus aus Stahl und Glas, erwachsen im schwülen Treibhaus der Geschichte Glück und Grauen. Der Sternenhimmel zu Beginn zitiert Mozarts „Zauberflöte“, das Färberhaus aber, ein Lazarett voller Kriegsopfer (Kostüme: Renée Listerdal), der Falke des Kaisers in roter Pilotenuniform (betörend: Dorin Rahardja), Giftgas und Hinrichtungen erden jeden Zauber.

Rasmus Baumann am Pult hielt mit seiner Neuen Philharmonie Westfalen souverän die Balance zwischen leiser Erzähloper und bombastisch auftrumpfender, erruptiver Musikorgie. Gudrun Pelker begeisterte in einer Riesenpartie nuanciert als diabolische Amme, auch Sabine Hogrefes geschmeidige Färberin gehörte zu den stimmlichen Höhepunkten, während Yamina Maamar als Kaiserin mal geschmeidig klar, dann schneidend scharf in den Höhen klang. Martin Homrich gibt dem kaiserlichen Kriegsverbrecher einen strahlenden Tenor, Urban Malmberg singt einen klangschönen Färber. Bestens einstudiert der Opern- und Extrachor sowie der Kinder- und Jugendchor. Das Publikum durfte in hochromantischer Musik baden, die Interpreten später im minutenlangen Beifall.

Die Frau ohne Schatten

30.09.2014
Ruhr-Nachrichten
Heinz-Albert Heindrichs

Im Ruhrgebiet ist sie noch nie erklungen: „Die Frau ohne Schatten“ - die aufwendigste und ehrgeizigste Oper, die Hugo von Hofmannsthal und Richard Strauss in den Weltkriegsjahren erfanden und erst 1919 in Wien aufführen konnten. Nun haben Intendant Michael Schulz und GMD Rasmus Baumann mit ihr die Spielzeit des Musiktheaters im Revier eröffnet – und wer Strauss zu kennen meint, aber das Werk noch nie gehört hat, der wird geradezu überrumpelt von der Eigenwilligkeit, der herben Schönheit und Ausdruckskraft, aber auch Widerspenstigkeit dieser Musik und dieses Librettos: für das Revier ist die Aufführung des Werks nicht nur aufwendig (nahezu 400 Beteiligte, darunter illustre Gäste), sondern eine substantielle Sensation; sie ist vom Regisseur neu durchdacht und mit Begeisterung in Szene gesetzt, und vor allem wird die Musik, gesungen, gespielt, dirigiert, geradezu hinreißend zur Entfaltung gebracht.

Hofmannsthals geheimnisvolle Handlung geht aus von bekannten Märchenmotiven (Schwanenjungfrau) und Erzählvorlagen (Chamissos ‚Peter Schlemihl‘): die Kaiserin, Tochter des Geisterfürsten, muss ins Feenreich zurück, wenn es ihr nicht gelingt, binnen drei Tagen einen menschlichen Schatten zu gewinnen, und ihr Mann, der Kaiser, wird dann versteinern. Aber im Kopf des Dichters wie des Komponisten hat ihre Geschichte durch den Weltkrieg einen bedrohenden Gegenpol erfahren, und dies haben Regisseur und Dirigent szenisch sichtbar und musikalisch hörbar in die Aufführung eingebracht - und gerade das macht die Gelsenkirchener Interpretation doppelschichtig: man muss sie analog wahrnehmen, in Erfahrensschichten, die einander überlagern. Aber wem dies gelingt, zu verstehen, der wird diese Aufführung und ihre beschwörenden Bilder und Höreindrücke nicht vergessen - denn gerade das analoge Ineinander von mythisch-magischer und illusionslos realistischer Sicht verleiht dem Werk heute seine rätselhafte Einzigartigkeit. Am Ende siegt nicht das Böse, sondern das Verzeihen und die Liebe.

Nicht nur den hingebungsvoll agierenden Hauptsolisten der Produktion - Martin Homrich (Kaiser) - Yamina Maamar (Kaiserin) - Gudrun Pelker (Amme) - Urban Malmberg (Barak, der Färber) - Sabine Hogrefe (die Färberin) - sondern all den vielen begeistert Mitwirkenden, bis hin zu Chor und Kinderchor: Danke!

Im Schatten des Ersten Weltkriegs

01.10.2014
Opernnetz
Pedro Obiera

Es gibt Opernhäuser wie das in Wuppertal, die unter den finanziellen Engpässen zusammenbrechen und ihre Daseinsberechtigung als Hegestationen einer zukunftssichernden Ensemble-Pflege aufgeben. Es gibt zum Glück noch mehr Häuser, denen es zwar materiell auch nicht besser geht, die aber die Ärmel aufkrempeln und mit Geschick, Fantasie und Stehvermögen ihre Kräfte zu ungewöhnlichen Leistungen mobilisieren. Und wenn in diesem Jahr des 150. Geburtstags von Richard Strauss gedacht wird, geht man selbst den gewaltigsten Herausforderungen nicht aus dem Weg. So stemmen Krefeld einen Rosenkavalier, die Deutsche Oper am Rhein eine Ariadne auf Naxos und, noch ehrgeiziger, das Musiktheater im Revier Die Frau ohne Schatten. Allesamt Produktionen auf mehr als achtbarem Niveau, die sich ohne Ensemblegeist nicht realisieren ließen.

Und das Ensemble bildet auch in Gelsenkirchen samt Chor und Statisterie das Rückgrat der neuen Frau ohne Schatten, auch wenn sich dieser Koloss nicht restlos ohne Gäste besetzen lässt. Die Ankündigung von 380 Mitwirkenden auf der Bühne und im Orchestergraben schien eine regelrechte Materialschlacht dieser Koproduktion mit dem Staatstheater Kassel erwarten zu lassen. Doch weit gefehlt. Intendant und Regisseur Michael Schulz führt die Massen ebenso sehr mit Augenmaß wie die Solisten und bringt mit einem einfachen, aber schlüssigen Konzept Licht in die verworrene Handlung. Dabei entgeht er der Gefahr, das symbolistisch verschlüsselte Libretto durch aufgesetzte realistische Erklärungsversuche um seinen geheimnisvollen Reiz zu bringen. Davon ist Die Frau ohne Schatten nicht weniger bedroht als Debussys Pelléas et Melisande.

Schulz entschlüsselt nicht jedes Detail aus dem Geisterreich Keikobads. Er findet aber eine überzeugende Folie für die Bereitschaft der Färberin, ihren Schatten, also ihre Fruchtbarkeit, auch jenseits materieller Verführungen zu verkaufen. Schulz siedelt das Stück nämlich in die Entstehungszeit der Komposition an, die mit dem Ende des Ersten Weltkriegs zusammenfällt. Kriegsopfer, Krieger-Witwen und -Waisen beherrschen die Menschenwelt der Färberin, die angesichts des Elends davon Abstand nehmen will, Kinder in diese schlechte Welt zu setzen. Überlegungen, die sie in heftige Konflikte mit ihrem Mann und ihrem Gewissen stürzen. Der Gesang der ungeborenen Kinder wirkt plötzlich entwaffnend logisch. Zugleich wird deutlich, dass die Kaiserin mit ihrem sehnlichen Kinderwunsch aus einer anderen Welt stammen muss und erst allmählich erfahren wird, wie blutig der „Menschendunst“ dampft. Beide Welten haben allerdings eine Gemeinsamkeit: Es sind brutale, menschenverachtende Welten, mögen sie von einem Phantom beherrscht werden oder von einem wilhelminischen Kaiser. Der Kaiser in der Oper gerät wie seine Gattin zwischen die Fronten. Auch die Entschlüsselung seiner Versteinerung als innere Verhärtung in einer menschenfeindlichen Zeit leuchtet ein. Erstaunlich überzeugend gelingen Schulz diese und andere Konkretisierungen der teilweise arg chiffrierten Symbole Hofmannsthals. Das von Strauss überdreht jubilierende Schluss-Bekenntnis der Hauptfiguren zum Weiterleben klingt in diesem Kontext doppelzüngig. Entsprechend zieht bereits die Soldateska einer noch brutaleren Epoche auf.

Einleuchtend, dass in diesem Umfeld jede optische Assoziation an das märchenhaft exotische Ambiente der Geisterwelt fehl am Platz wäre. Bühnenbildner Dirk Becker belässt es deshalb bei einer raffiniert schlichten Umrahmung der Spielfläche, die den Massenauftritten genügend Raum lässt, durch die Verwendung von 1000 Plexiglasfenstern jedoch verschwommene Ein- und Durchblicke in Parallelhandlungen erlaubt.

Das musikalische Niveau beeindruckt nicht minder. GMD Rasmus Baumann führt mit Umsicht, Klanggefühl und emotionalem Überdruck zusammen mit der glänzend disponierten Neuen Philharmonie Westfalen durch den vierstündigen Abend. Von feinsten kammermusikalischen Delikatessen bis zu Eruptionen von elementarer Gewalt bleibt Baumann der Partitur nichts schuldig. Zarte Geigensoli gelingen nicht minder gut als massive Blechattacken, die Baumann voluminös ausspielen lässt.

Strauss fordert drei dramatische bis hochdramatische Frauenpartien und einen Heldentenor, womit er jedes Besetzungsbüro ins Schwitzen bringt. Gelsenkirchen kann stolz sein, diese enormen Anforderungen ohne einen einzigen Schwachpunkt erfüllen zu können. Yamina Maamar als Kaiserin verströmt lyrischen Wohllaut und dramatische Energie in gleichem Maße. Sie vermittelt sowohl die Unsicherheit, die die fremde Menschenwelt in ihr auslöst als auch die ekstatische Sehnsucht nach einem Mutterdasein.

Sabine Hogrefe vermag in der besonders expressiven Partie der Färberin auch in den extremsten Ausbrüchen ihre Stimme unter Kontrolle zu halten und vor hysterischen Auswüchsen zu bewahren. Gudrun Pelker als Amme komplettiert das Damen-Trio adäquat. Auch sie singt die Rolle weitgehend kultiviert aus. Martin Homrich schwächelte als Kaiser ein wenig und kann den Glanz seiner schönen Stimme nicht durchweg schlackenfrei präsentieren. In Top-Form dürfte er die schwere Partie mit seinem groß dimensionierten Tenor jedoch mühelos bewältigen. Einen vokal rundum sauber gestalteten Barak ohne sentimentale Entgleisungen bietet Urban Malmberg mit der vielleicht anrührendsten Leistung des Abends.

Ein Sonderlob verdienen neben den vielen tüchtigen Darstellern der kleineren Rollen der Chor, genauer die versammelten Chöre, neben dem erweiterten Opernchor auch der Kinderchor und Jugendchor Gelsenkirchen. Insgesamt eine erfreulich schlüssige Darstellung des aufwändigen Stücks auf exzellentem musikalischen Niveau, mit der das Musiktheater im Revier gleich zum Saisonauftakt hohe Maßstäbe setzt.

Begeisterter Beifall für alle Beteiligten, in den sich einige Buh-Rufe gegen das szenische Team mischen.

Audio: Die Frau ohne Schatten

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OPER IN DREI AKTEN VON
RICHARD STRAUSS
DICHTUNG VON
HUGO VON HOFMANNSTHAL UA 1919 | MIT ÜBERTITELN

EINE KOPRODUKTION MIT DEM STAATSTHEATER KASSEL
Premiere
28. September 2014
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