Klein Zaches, genannt Zinnober (UA)
Die welterste Steampunk-Oper entsteht in Gelsenkirchen!
Der missgestaltete und aus ärmlichen Verhältnissen stammende Klein Zaches gelangt durch den gut gemeinten Zauber einer mitleidvollen Fee zu höchsten Ehren und erhält die Gelegenheit, sein absonderliches Äußeres durch angenehmes Wirken, Güte und Zuvorkommenheit wettzumachen. Die Magie öffnet ihm die Türen in das Haus des Professors Mosch Terpin und seiner wunderschönen Tochter Candida. Doch nicht nur ihnen erscheint der kleine Sonderling in allen Dingen begabt und überaus eloquent, sondern alle sind von ihm verzaubert – bis auf Balthasar, einen Studenten und jungen Dichter, der vor allem die Natur und die schöne Candida liebt. Doch sein Glück gerät durch die Machenschaften von Klein Zaches, auch Zinnober genannt, in Gefahr und nur die Kunst des Magiers Prosper Alpanus kann ihm helfen, Zinnobers dreistes Spiel zu beenden…
Die fantastische Erzählung von E.T.A. Hoffmann zählt zum Humoristischsten und gleichzeitig Tragischsten der Literaturgeschichte: Voll Witz und Ironie persifliert sie gesellschaftliche und politische Gegebenheiten und zeigt gleichzeitig die menschlichen Abgründe eines Ausnahmetalents, das sich als Künstler unverstanden fand und die Fantasielosigkeit der Menschen beklagte. Zusammen mit der Neuen Philharmonie Westfalen verwandeln die 6 Herren von COPPELIUS auf klassischen Instrumenten mit rockig-opernhaftem Sound gemeinsam mit Publikumsliebling Rüdiger Frank und der engelsgleichen Ulrike Schwab die Bühne im Stile des Steampunk in eine akustische Dampfmaschine.
Alle Termine:
  • 14. Nov. 2015, 19.30 Uhr

Das grenzt an Dampfzauberei

05.12.2015
Frankfurter Allgemeine Zeitung
Andreas Rossmann

Schwarzgekleidete Gestalten stolzieren durchs Foyer. Die Männer im Gehrock, mit Stehkragen und Zylinder, die Frauen in Korsett und weiten Röcken oder Fliegerjacken und Hosen, grell-grüne Haarsträhnen dazwischen, Tätowierungen, Piercings, Metallschmuck, Stiefel und Schweißerbrille. Viktorianischer Look und Piloten-Outfit kreuzen sich zur futuristischen Retromode. Vorwärts in die Vergangenheit! Nein, es sind keine Schauspieler, die sich unter das Abonnentenvolk mischen, vielmehr zeigt die "Szene" auch noch in den Folgeaufführungen nach der Premiere Flagge: Die Steampunk-Bewegung kapert die Oper. Das Musiktheater im Revier in Gelsenkirchen hat mit "Klein Zaches, genannt Zinnober" von der Berliner Band Coppelius (Musik) und Sebastian Schwab (Text) nach dem Kunstmärchen von E.T.A. Hoffmann die "welterste Steampunk-Oper" vom Stapel gelassen.

Die Bühne, ein großes Zahnrad hängt emblematisch von der Decke, ist eine Maschine, die klappert, zischt, rattert, dampft. Und der Autor ist ein Ingenieur der Phantasie. Denn E.T.A. Hoffmann, als kleiner Zeremonienmeister im brokatbesetzten Frack, spielt selbst mit, er gibt den Erzähler. Als der Eiserne sich hebt, ist er gerade dabei, die letzten Handgriffe vorzunehmen, Zahnräder einzusetzen, Schrauben festzuziehen, den Dampfkessel zu prüfen. Dann knöpft er das Hemd auf, reißt sich das Herz heraus, legt es in einen Kasten, schließt ihn an. Die Geräte blinken und bewegen sich. Hoffmann freut sich und zieht sich auf eine Art Autositz, seine Kommandozentrale, hinter ein Handrad zurück. Die vierte Wand öffnet sich: Auf der Hinterbühne sitzt das Orchester, die Neue Philharmonie Westfalen mit Thomas Rimes am Pult. Die Maschine funktioniert, die Geschichte kann beginnen. Dampfzauberei!

Die sechs Musiker von Coppelius, dem Autor schon im Namen verbunden, sowie Librettist Schwab haben die schwarzromantische Erzählung von 1819 zu einem halbepischen Singspiel umgestrickt, dabei auch begradigt, geglättet und etwas umgestellt, vor allem aber den "humoristischen Wechselbalg" (Hoffmann) derart musikalisch aufgemischt, dass Oper und Rock sich unterhaken und auf den Arm nehmen, einander brechen und überbieten, sich zitieren und kommentieren. Die Band fährt, Drummer Nobusama an der Spitze, herauf, die Musiker - Sänger, zwei Klarinetten, Cello, Bass - geben den Ton an, bevor sie auch als Schauspieler ihren Mann stehen.

Die Geschichte von Klein Zaches, dem missgestalteten, in ärmlichen Verhältnissen gefangenen Sohn einer Bäuerin, wird als phantastisches Stationendrama aufbereitet: Wie der Zauber der Fee Rosabelverde ihn mit roten Haaren - im Original sind es drei, hier eine schmucke Perücke - ausstattet, wie er daraufhin für schön gehalten und, unter dem Namen Zinnober, in der Universitätsstadt Kerepes angekommen, alles Vortreffliche, was in seiner Gegenwart gedacht, gesprochen oder getan wird, auf ihn projiziert wird, wie selbst die Liebesverse, mit denen der Studiosus Balthasar die Tochter von Professor Mosch Terpin anschwärmt, Zinnober gutgeschrieben werden, wie er schließlich zum Minister ernannt wird und allseits gesellschaftliche Anerkennung findet. Als die schöne Candida ihn gar heiraten möchte, spitzt sich das närrische Treiben aus Zauberwerk und Hexenwesen tragikomisch zu, doch der Magier Prosper Alpanus kann, indem er den Kamm der Fee zerstört, das Geschehen aufhalten. Im großen Finale nimmt Balthasar die Hand der aus ihrer Verblendung erlösten Braut, und der fliehende Klein Zaches kommt nicht - wie bei Hoffmann - im Henkelgefäß neben der Toilette ums Leben, er wird nur höhnisch ausgelacht. Dann verwandelt er sich zurück in den Autor, beschimpft das Publikum, klettert in den Maschinenstand und legt den Hebel um: Das Theater stürzt ein, das Herz hört auf zu schlagen.

Rüdiger Frank, der im wirklichen Leben nur 1,34 Meter misst, spielt beide, die Titelfigur und Hoffmann: Kleiner Mann, ganz groß! Wie sein Klein Zaches, am Anfang ein kaum sichtbares Häufchen Elend, sich von dem Zauber tragen lässt, die Opferrolle abschüttelt, Statur gewinnt und seine unverhoffte Beliebtheit auskostet, wie er dabei giftig wird und doch anrührend bleibt und sich, stimmstark und feingliedrig, auch in der Aggression eine zarte Verletzlichkeit bewahrt, das sichert der leichthändigen, streckenweise allzu adretten Inszenierung von Sebastian Schwab emotionales Interesse. Die Candida der Sopranistin Ulrike Schwab probt den Ausbruch aus der puppenhaften Erstarrung der Figur mit schrillen Extravertiertheiten à la Nina Hagen. Und das Ensemble legt eine augenzwinkernde Spielfreude und schräge Verwandlungslust an den Tag, die "Klein Zaches, genannt Zinnober" an "The Rocky Horror Show" anschließen lassen.

Türwände wachsen aus dem Boden, eine Wendeltreppe führt ins Leere, fliegende Kisten und Fußgänger der Lüfte, Hochräder und Segway-Vorgänger sind unterwegs: Der anachronistische Gerätepark, den die Bühne von Britta Tönne bereitstellt, erinnert an die Möglichkeiten eines Maschinentheaters, das von den Bedrohungen der "Modern Times" Charlie Chaplins noch nichts ahnt und sich mit modischen Video-Beliebigkeiten nicht gemein macht.

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KRICK-KRACK!

15.01.2016
Opernwelt
Stefan Keim

Anhänger des Steampunk sind Romantiker. Sie verehren die Technikvisionen des 19. Jahrhunderts, kleiden sich verspielt viktorianisch und lieben die Seelenabgründe düsterer Schauergeschichten. Die Band Coppelius hat nicht nur ihren Namen von E. T. A. Hoffmann entliehen, die Musiker spielen Klarinetten, Cello, Kontrabass – und natürlich Schlagzeug, der knallharte Beat darf nicht fehlen. Der Intendant des Gelsenkirchener Musiktheaters im Revier, Michael Schulz, ließ Coppelius und die Neue Philharmonie Westfalen gemeinsam eine Steampunk-Oper entwickeln – arrangiert und komponiert von den Bandmitgliedern Comte Caspar und Max Coppella sowie MiR-Kapellmeister Thomas Rimes.

Die Vorstellungen sind ausverkauft. Opernabonnenten sitzen neben Steampunkern, die aus ganz Deutschland anreisen. Auf der Bühne drehen sich riesige Räder, Kessel dampfen, es gibt eine Verfolgungsjagd auf nostalgischen Fahrrädern. Die von Britta Tönne entworfene Theatermaschine funktioniert aber nur, weil E. T. A. Hoffmann selbst sein blutiges Herz an sie verfüttert. Der kleinwüchsige Rüdiger Frank spielt den Dichter und gleichzeitig sein Geschöpf «Klein Zaches». In Offenbachs Oper «Hoffmanns Erzählungen» kommt der Zwerg zwar im nach ihm benannten berühmten Lied vor, seine Geschichte aber wird nicht erzählt: Eine Fee hat Mitleid mit dem stummen Krüppel, den seine Mutter nur als Last empfindet. Durch eine Berührung mit ihrem Zauberkamm wird Klein Zaches zum Star, den alle verehren. Professor Mosch Terpin will dem jungen Herrn sogar seine Tochter als Frau geben. Zwar liebt sie eigentlich den Studenten Balthasar. Doch das zwergische Zauberhaar verführt auch sie.

Rüdiger Frank spielt mit brachialer Lust ein menschliches Monster: Weil Klein Zaches die Großen hasst, die ihn gequält haben, treibt er ein sadistisches Spiel mit ihnen. Einmal lässt er seiner Wut freien Lauf und beschimpft das Publikum im Stil Klaus Kinskis, huldigt dem Krach: eine echte Punknummer, die die Fans ausrasten lässt. Dabei ist dieser Zwerg auch eine Identifikationsfigur, ähnelt den Außenseiterhelden in Tim Burtons Filmen. Wie einer von Danny Elfmans opulent orchestrierten Soundtracks klingt denn auch die Ouvertüre. Nachdem die Neue Philharmonie Westfalen unter Leitung von Thomas Rimes ihren großen Auftritt hatte, fährt sie in den Hintergrund und lässt den Steampunkern den Vortritt.

Die Musiker spielen alle Rollen selbst, das geht mit teilweise rasanten Kostümwechseln ab. Regisseur Sebastian Schwab lässt ihnen viele Freiheiten, was auch nötig ist, um den besonderen Charme des Steampunks zu entwickeln. Große Theatergesten transportieren große Gefühle, gleichzeitig werden sie ironisch unterwandert und ausgestellt. Als Fee und Professorentochter Candida ergänzt die Sopranistin Ulrike Schwab das Ensemble, ein echtes Wahnwitzwunder. Hinreißend singt sie «Porgi Amor» aus Mozarts «Nozze di Figaro» und schmettert Koloraturen, die manche Königin in die Nacht treiben würden. Außerdem röhrt sie rockige Songs und kämpft im Stil einer Manga-Kriegerin. All das mit Riesencharisma. «Klein Zaches» ist ein großer Spaß und dennoch mehr als Jux. Denn diese Steampunk-Oper läuft – wie die Bühnenmaschine – nur mit Herzblut. Ein Ereignis.

Unter Dampf

20.11.2015
theater pur
Martin Schrahn

Sie verorten sich in der Metternich-Zeit, wissen aber selbst nicht genau, wann sie eigentlich geboren wurden. Ihr augenzwinkernder Blick auf die deutsche Frühromantik geht einher mit der Fokussierung auf die beginnende Industrialisierung – Gehrock plus Schweißerbrille gehören zum symbolträchtigen Outfit. Und sie machen Musik, die sechs Herren, die sich als Band „Coppelius“ nennen, als Huldigung an eine Figur des Meisters der fantastischen Poesie, E.T.A. Hoffmann. Nichts bei ihnen klingt allerdings nach Spohr, Paganini oder Weber, alles hingegen nach Hardrock oder Metal. Schließlich handelt es sich bei der Gruppe um Vertreter des Steampunks. Steampunk ist eine Bewegung. Sie frönt der Historisierung, genauer dem viktorianischen Zeitalter, was Mode und die Liebe zu dampfbetriebenen Maschinen angeht. Diverse Fans waren nun im Gelsenkirchener Musiktheater im Revier (MiR) zu bewundern, natürlich in angemessener Kleidung. Da tragen die Herren Anzug mit Weste, Fliege, darüber lange Mäntel, gelegentlich Zylinder. Die Damen wiederum flanieren in langen Kleidern oder Röcken, teils in Korsetts, fast immer mit einem Hütchen umher. Und natürlich dürfen niemals die Accessoires des technischen Fortschritts fehlen. Sie alle waren gekommen, um eben „Coppelius“ zu bejubeln, ihre Band, die hier beteiligt ist an der Uraufführung von Klein Zaches, genannt Zinnober.

Das Stück, nach der gleichnamigen Erzählung E.T.A. Hoffmanns, ist als Steampunk-Oper annonciert, entspricht in seiner Reizüberflutung einem riesenhaften Gesamtkunstwerk, das allen Märchenzauber preisgibt für eine monströse Bühnenschau. Der Witz indes ist, dass diese Frage, wie viel Zauber es noch in einer industrialisierten Welt gibt, thematisiert wird. Hinzu kommt, dass die Bandmitglieder in diverse Rollen (und entsprechende Kostüme) schlüpfen, zur Freude der johlenden Fans, und nicht nur eins ihrer Konzerte geben. Freilich: die schauspielerischen Fähigkeiten von „Coppelius“ halten sich in Grenzen. Ausgeglichen wird das Manko indes durch jede Menge Action. Sei’s drum: Im Mittelpunkt dieses Spiels, komponiert von Thomas Rimes und Bandmitgliedern, dramaturgisch geformt und inszeniert von Sebastian Schwab, steht ohnehin der kleinwüchsige Rüdiger Frank als Klein Zaches. Wie ein menschliches Bündel rollt er sich anfangs zusammen – ein Kindchen, das nur Laute krächzen kann. Später jedoch, von einer Fee mit Zauberhaar bedacht, avanciert er zum Liebling der feinen Gesellschaft, entsprechend edel gekleidet. Eloquent macht er Candida, der Tochter des Professors Mosch Terpin, den Hof. Fast kommt es zur Hochzeit, doch der „Schwindel“ mit den Wunderhaaren fliegt auf. Letzthin finden der junge, schmachtende Student Balthasar und Candida zusammen. Rüdiger Frank ist aber auch E.T.A. Hoffmann, der die Szenen wortreich verbindet. Vor allem aber empfiehlt er sich als Meister der Technik, als Magier des Fortschritts, der mit wenigen Handgriffen die Bühne gewissermaßen unter Dampf setzt. Der die von Britta Tönne erdachte Ausstattung herbeizaubert, die uns mit ihren Röhren und Zahnrädern, vor allem mit einem riesigen Turbinenkonstrukt in die industrielle Vergangenheit katapultiert. Und obenauf thront die Band, frenetisch bejubelt. Wir aber reiben uns die Augen. Hören Rock und Metal, sehen aber keine einzige E-Gitarre. Vielmehr Schlagzeug, zwei Klarinetten, Cello und Kontrabass. Markige Töne mit Klangfarbe. Und hinten dirigiert Thomas Rimes die Neue Philharmonie Westfalen in Großbesetzung. Eine außerordentliche Kombination.

Die Musik in ihrer Gesamtheit entpuppt sich freilich als ein Mixtum compositum der Stile. Opernhaftes wechselt mit den Klangeruptionen der Band, liedhafte Balladen klingen nach schlechtem Musical (kitschverdächtig), Zitate von Mozart, Tschaikowsky und Strauss sind eingewoben, anderes wirkt wie für den Film komponiert. Die Stimmen, auch die Ulrike Schwabs (Candida), sind ausnahmslos verstärkt. Deshalb sei hier auf eine Beurteilung verzichtet. Als Fazit aber bleibt: Das MiR hat ein Experiment gewagt, das alle Steampunkfans beglückt, andere sicher nur bedingt begeistert. Einen solchen Farbtupfer ins Opernhausrepertoire zu bringen, ist legitim, aber kaum zukunftsweisend. Denn unter der Oberfläche der geballten akustischen, besonders aber optischen Reize fehlt es an Tiefe. „Ich will Lärm“ kreischt Klein Zaches ins Mikro, und die Band gibt alles. Wir aber genießen daheim die Ruhe.

Headbanging im Hoffmann-Land

18.11.2015
Die Deutsche Bühne
Andreas Falentin

Man traut sich was im Gelsenkirchener Architekturjuwel. Im Mai brachte das MIR eine Oper der serbischen Komponistin Isidora Zebeljan zur Uraufführung, im September ein Fußballoratorium. Aktuell steht die auf zwei Jahre angelegte, experimentelle Musiktheaterstückentwicklung „ingolf“ in den Startlöchern und die – vermutlich – weltweit erste Steampunk-Oper feierte rauschend Premiere. Steampunk ist eine sich quer durch die Generationen ziehende, etwa 30 Jahre alte retro-futuristische Subkultur, lustvolles Bespiegeln von Abenteuer- und Technik-Visionen des 19. Jahrhundert, etwa von Jules Verne und H.G. Wells. Man verachtet die Wegwerfkultur, folgt einem ästhetischen Code und stylt sich doch dezidiert zum Einzelkunstwerk, optisch irgendwo zwischen Queen Victoria, Sissi und den ersten Suffragetten, zwischen Oscar Wilde und Gary Oldmans „Dracula“. Man trägt viel Schwarz und noch mehr Metall. Das war bei der Premiere nicht nur auf der Bühne, sondern vor allem im Publikum zu erleben. Weite Teile bildeten da von außen betrachtet eine geradezu ungeheuer fantasievolle mobile Design-Ausstellung. Auf der Bühne wurde E.T.A. Hoffmanns „Klein Zaches, genannt Zinnober“ erzählt. Womit die große Qualität dieses Abends eigentlich bereits beschrieben ist. Hier wird bewusst erzählt, enthusiastisch, feurig und mitreißend theatralisch. Alle Komponenten, die Musik und deren Umsetzung, Inszenierung und Darstellung, Bild und Szene, Ton und Licht, kommen perfekt und fugenlos unter dieser Prämisse zusammen. Die Steampunk-Band Coppelius (Gesang, Cello, Kontrabass, Schlagzeug und zwei Klarinetten!) hat eine Zitatenmaschine geschaffen, in der nichts selbstzweckhaft daherkommt. „La Nozze di Figaro“ trifft da auf James Bond, Wagners hier grotesk verhüllte „Götterdämmerungs“ – Weltuntergangsfantasien werden mit Queens „We will rock you“ vorbereitet. Dabei ist die brillante, von Thomas Rimes brillant geleitete Crossover-Melange nicht darauf aus, Bildung abzusondern und einzufordern. Sie verortet schlicht das Geschehen – historisch und emblematisch.

Das Orchester sitzt auf der Hinterbühne. In der Mitte fährt die Band, deren Mitglieder zusätzlich etliche Rollen spielen, rauf und runter. Über ihnen hat Britta Tönne ein gigantisches Zahnrad aufgehängt, ein Symbol der Industrialisierung, das Symbol der Steampunk-Bewegung. Und vorne hat Rüdiger Frank sein Labor. Der nur 134 Zentimeter große Schauspieler gibt nicht nur den Titelhelden, der, dumm und hässlich, von einer Fee als begehrenswertes Liebes- und Renommierobjekt verkleidet wird – mit für viele, besonders aber für Zaches selbst, schrecklichen Folgen. Frank gibt auch den Autor selbst. Am Anfang reißt er sich das Herz aus der Brust, vergießt buchstäblich sein Herzblut, um die Geschichte in Gang zu setzen. Am Ende kriegt er sein Herz nicht zurück – romantische Ironie in seltener Klarheit. Coppelius, auch der Name ist E.T.A. Hoffmann entliehen, werfen ein Netz solcher klaren, aus dem kulturellen Umfeld dieser Erzählung entwickelten Momente über ihre kecke Collage und bekunden so nicht zuletzt ihren Respekt vor der Kunstgattung Oper, in deren Tradition sie sich mit „Klein Zaches“ eindeutig stellen. Beeindruckend ihre Musikalität, Wandlungsfähigkeit, Disziplin. Beeindruckend wie Sebastian Schwab dieser Klarheit epischen Atem einhaucht und Gestalt verleiht, beeindruckend wie die Neue Philharmonie Westfalen von der Hinterbühne aus präzise mitgestaltet. Auch hier: nichts schwammig oder selbstverliebt. Der Orchesterpart dient freudig der Erzählung. Wie der Raum von Britta Tönne mit seinen rauf und runter fahrenden Kabinetttüren, den vielen Metallrohren und -objekten, vom alten Fahrrad bis zum zur Fernbedienung verfremdeten Transistorradio. Beeindruckend der allgegenwärtige, nie altbacken wirkende Retro-Theaterzauber, der vielen Zuschauern den staunenden Kinderblick zurück schenkt. Beeindruckend nicht zuletzt der musikalische, ungeheuer präsente Schauspieler Rüdiger Frank und die Rollschuh und Tretroller fahrende, durch die Luft fliegende über den Boden kriechende und dabei stets herrlich singende Sopranistin Ulrike Schwab.

Seit drei Jahren verfolgt Intendant Michael Schulz die Idee, dieses wilde Wagnis in die Tat umzusetzen. Wenn dem Steampunker etwas gefällt, brüllt er hinterher „Weiter so!“. Man darf sich anschließen.

Schwarze Romantik mit Stehkragen und E-Bass

24.11.2015
Opernnetz
Pedro Obiera

Egal, was man sich unter „Steampunk-Oper“ vorstellen kann oder will. Egal, was man von dem Ergebnis halten mag. Dass die oft totgesagte Oper lebt, das haben die Besucher der Uraufführung der „ersten Steampunk-Oper“ im Gelsenkirchener Musiktheater im Revier mit unüberhörbarer Vitalität bewiesen.

Die Show beginnt lange, bevor sich der Premierenvorhang hebt. Scharen junger Leute in viktorianischem Outfit mit Zylinder, Stehkragen, steifen Miedern und bizarr geruschelten Kleidern strömen in das gläserne Opernhaus, um die Geburt der „ersten Steampunk-Oper“ nach einer stilgerechten Vorlage von E.T.A. Hoffmann, dem Nestor der schwarzen Romantik, nicht nur mitzuerleben, sondern vor allem zu feiern. Klein Zaches, genannt Zinnober heißt das Opus. Steampunk versteht sich als viktorianisch und ironisch angehauchte Variante der Gothic-Szene, und ihre Anhänger begeistern sich für skurrile Berührungspunkte oder Kreuzungen zwischen „schwarzer Romantik“ und modernem Technik-Hype. E.T.A. Hoffmann ist da eine gefragte Adresse, für die sich schon Jacques Offenbach begeisterte. In dessen Oper Hoffmanns Erzählungen wird nicht nur auf Klein Zaches Bezug genommen, sondern dort konstruiert der Physikus Spalanzani eine Puppe, die durch die Brille des Zauberer Coppelius lebensechte Konturen annimmt. Elemente, die sich in Hoffmanns Erzählung vom Klein Zaches und der neuen Oper wiederfinden. Dass sich eine der angesagtesten Kultbands der Szene in Ehrfurcht vor Hoffmann „Coppelius“ nennt, ist kein Zufall. Und dass sich die sechs Berliner „Coppelius“-Musiker, die neben Kapellmeister Thomas Rimes die Musik schufen, auf ihre begeisterten Fans verlassen können, das zeigen die Beifallstürme zwischen den Nummern und vor allem am Ende des gut zweieinhalbstündigen Spektakels.

Der lockeren Ästhetik der Steampunker entsprechend, geht es musikalisch nicht allzu brutal zu. Das überrascht nicht angesichts der ungewöhnlichen Besetzung der Band mit zwei Klarinetten, Violoncello und Kontrabass, wobei viele Songs durch die stattlich besetzte, im Bühnenhintergrund postierte Neue Philharmonie Westfalen zusätzlich verzuckert wird. Dennoch sorgen die Soft-Punker, angeführt von dem Schlagzeuger Nobusama, zur Freude ihrer Fans stellenweise für mächtigen Druck. Allerdings immer durchsetzt mit einer Portion Selbstironie. Das weckt einerseits Sympathien, andererseits ließ sich Regisseur Sebastian Schwab dazu verleiten, den bösartigen Humor Hoffmanns durch allerlei Gags und Klamauk zu entschärfen. Wenn auf der Suche nach einem rothaarigen Wurzelsepp Bilder von Pumuckl oder Cindy aus Marzahn auftauchen, ist der Jubel groß. Selbst literarische „Highlights“ des Librettos wie „Woher kommt die Musik? Antwort: Das Orchester sitzt hinten“ entfesseln Lachorkane.

Das Publikum reagiert so turbulent wie in einer Rocky Horror Show, wobei man sich mit der Veranstaltung am besten anfreunden kann, wenn man sie als harmlose Comedy-Show auf gehobenem Niveau versteht. Ein etwas anzüglicher Text über eine Luftpumpe markiert schon die Grenze des Gewagten.

Hoffmanns Erzählung kreist um den hässlichen, bösartigen Gnom Klein Zaches, der mit Hilfe der Fee Rosabelverde von den Menschen als sympathischer Adonis wahrgenommen wird. Auch von der schönen Physiker-Tochter Candida, für die ebenfalls der Student Balthasar schwärmt. Bevor es zur Vermählung von Klein Zaches und Candida kommt, enttarnt Balthasar mit Unterstützung des Zauberers Prosper Alpanus den Trug. Klein Zaches ist ruiniert und lässt in Gelsenkirchen die Bühne rachsüchtig in die Luft fliegen.

Das Stück plätschert lange mit mehr oder weniger packenden Songs recht brav vor sich hin, bevor am Ende die Schärfe der Vorlage spürbar wird und der kleinwüchsige Schauspieler Rüdiger Frank in der Titelrolle, ein Publikumsliebling in Gelsenkirchen, seine darstellerischen Qualitäten voll ausspielen kann. Da bricht der Schmerz über seine verwachsene Existenz stellenweise brutal aus ihm heraus. Er röhrt einen mehr verzweifelten als aggressiven Song ins Mikrophon, er beschimpft das Publikum wie einst Klaus Kinski und bricht zusammen, bevor er sich zum finalen Racheakt aufrafft.

Ansonsten geht es eher nett und freundlich zu. Schwab lässt den Coppelius-Musikern, die auch die meisten Rollen darstellen, freie Hand und die achten darauf, dass jeder Gag gut ankommt. Ulrike Schwab übernimmt als einzige Dame im Ensemble alle drei Frauenrollen und überzeugt durch ihre Wandlungsfähigkeit und ihre flexible Sopranstimme. Kapellmeister Thomas Rimes sorgt als Co-Komponist für einen Orchestersatz, der sich recht klischeehaft an Hollywood-Vorbildern orientiert, was im Schlussbild zu einem herzzerreißend sentimentalen Blowup führt.

Britta Tönne behängt die dunkel ausgekleidete Bühne mit riesigen Zahnrädern und Maschinenteilen, postiert die Band auf einer Empore, während das Orchester im Hintergrund aus dem Blickfeld verschwindet. Steampunk-würdig präsentieren sich ihre bizarren Kostüme. Eine erneut glänzende Leistung der begabten jungen Bühnen- und Kostümbildnerin.

Die jungen Besucher der Uraufführung geraten schier aus dem Häuschen vor Begeisterung. Der Beifall will kein Ende nehmen.

Außergewöhnliche Auftritte...

16.11.2015
Westdeutsche Allgemeine Zeitung (Kultur)
Elisabeth Höving

Da ist mächtig Druck auf dem Kessel! Gewaltige Zahnräder kreisen, monströse Maschinen glühen, Funken sprühen zum Feuerwerk. Ein Opernhaus steht unter Dampf. Die Bühne des Gelsenkirchener Musiktheaters im Revier feierte mit der Welt ersten Steampunk-Oper eine völlig abgedrehte, verrockte und furiose Uraufführung. Das bildgewaltige zweistündige Spektakel „Klein Zaches, genannt Zinnober“ aus dem Dampfmaschinen-Zeitalter elektrisierte das Publikum bis zu den Haarspitzen. Riesenjubel für einen prallen Spaß zwischen Rockoper, Zaubermärchen und bizarrer Klamotte.

Allein die musikalische Mixtur aus klassischem Sinfonieorchester mit der Neuen Philharmonie Westfalen und Metal-Rock-Band mit „Coppelius“ versprach musikalischen Zündstoff. Der theatralische Stoff, aus dem diese Oper gestrickt ist, basiert auf E.T.A. Hoffmanns gleichnamigem Märchen rund um eine missgestaltete, exzentrische Kreatur, der durch Zauberwerk hohes Ansehen zuwächst. Regisseur Sebastian Schwab schrieb das Libretto, das mit Technikgläubigkeit und dem Umgang mit Anderssein spielt. Die Steampunker besorgten die Komposition, die die Grenzen zwischen Rock, Pop, Punk und Klassik lässig sprengt. Hier treffen softe Pop-Balladen auf erzählerische Rezitative, süßlicher Musicalsound auf romantischen Klassikklang.In der weltersten Steampunk-Oper tun Bastille (Gesang), Comte Caspar (Gesang, Klarinette), Graf Lindorf (Gesang, Cello), Max Coppella (Gesang, Klarinette, Cembalo), Sissy Voss (Contrabass), Nobusa (Schlagzeug) das, was sie auch auf Rockfestivals machen: Sie musizieren lautstark auf elektronisch verstärkten und verfremdeten klassischen Instrumenten wie Klarinette, Cello und Bass.

Doch zur Ouvertüre trumpfte zunächst die Neue Philharmonie un­ter Thomas Rimes mit üppigem, nahezu cineastischem Sound auf, bevor ein Gazevorhang den Blick auf die Hinterbühne verschleierte. Der Dichter E.T.A. Hoffmann höchstpersönlich tritt als Erzähler und Gestalter auf. Sebastian Schwab zeigt ihn als tüftelnden Maschinisten, der an seinem Werk schraubt, der die Hebel zum Start und später auch zum Ende der Geschichte in Bewegung setzt.Den Dichter und seine Kopfgeburt Klein Zaches verkörpert in einer glänzenden Doppelrolle der kleinwüchsige Sänger und Schauspieler Rüdiger Frank. Mit dieser Besetzung steht und fällt das Spiel. Frank ist mal Erzähler, mal Regisseur, der alle Fäden in der Hand hält, mal der bedauernswerte Klein Zaches, der nur durch einen Zauber sein Äußeres wettmachen kann. Der 48-jährige Ausnahmekünstler besticht durch ungeheuer prägnante Bühnenpräsenz, durch seine knarzende, schnurrende Stimme und rauen, ruppigen Gesang.

Ein weiterer fantastischer Hauptdarsteller ist die Bühne von Britta Tönne (auch verantwortlich für die märchenhaften Kostüme) mit ihrer gigantischen Dampfmaschine, ei­ner fahrbaren Bühne, auf der die Band sitzt. Die Coppelianer, allesamt ausgezeichnete Musiker, rocken die Oper gleichermaßen brillant als Band und als Schauspieler, ob mit melancholischen Balladen, erklärenden Rezitativen oder harten Rhythmen und donnernden Akkorden. Die Neue Philharmonie springt ihnen mit kurz aufblitzenden klassischen Zitaten von Wagner bis Humperdinck bei.Das Musiktheater sprengt herrlich respektlos alle Grenzen zwischen Klassik, Rock, Pop und Punk, spielt mit Ironie und Humor zwischen großer Oper und derbem Klamauk. Diese Steampunk-Oper bietet weit mehr als nur heiße Luft. Die Szene übrigens kam stilecht zur Premiere: in prächtigen viktorianischen Gewändern, Federboa, weißen Handschuhen, Schweißerbrillen.

Zaubertheater im chaotischen Räderwerk

16.11.2015
Ruhr-Nachrichten
Heinz-Albert Heindrichs

Die welterste Steampunk-Oper, entstanden im Auftrag des Gelsenkirchener Musiktheaters im Revier, feierte nach zweijähriger Produktionszeit ihre bejubelte Premiere. Viele junge Besucher wussten, was "Steampunk" in der Mode bedeutet: Sie kamen in Phantasie-Kostümen, wie man sie vor 200 Jahren trug, in einem Outfit, das sie aus Science-Fiktion-Filmen kennen: „Retro-Futurismus“ nennt man eine solche Sichtweise auf die Zukunft. Die bekannte Rockband „Coppelius“ hat sie sich seit Jahren künstlerisch zu ei-gen gemacht und sich dabei, in ihren Songs und Auftritten, durch die phantastischen Erzählungen des romantischen Dichters E.T.A. Hoffmanns inspirieren lassen, in denen „Klein Zaches, genannt Zinnober“, ein zwergenhaft verwachsener Mensch, eine tragikomische Zauberrolle spielt. In Rüdiger Frank, 48 Jahre alt und 134 Zentimeter groß, hat das Gelsenkirchener Musiktheater einen hochbegabten Künstler unter Vertrag, der diese Rolle meisterlich zu singen und zu spielen versteht - und es beauftragte den Regisseur Sebastian Schwab, ein Opernlibretto zu schreiben und auch die Inszenierung zu übernehmen. Britta Tönnes Bühnenbilder und Kostüme sind von Hoffmanns Erzählkunst ganz besonders inspiriert: ein herrlich chaotisches Ineinander von sich drehendem Räderwerk, von Farben und Krims-Krams und Chaos. Auf der Hinterbühne spielen die Philharmoniker, dirigiert von Thomas Rimes, der synchron zur Coppelius-Band eine Orchesterpartitur komponiert hat, die zum vordergründigen Rock auch romantische Zitate aufleuchten lässt - und es ist bewundernswert, wie präzise es der Technik gelingt, das alles miteinander zu verzahnen. Was es zu sehen und zu hören gibt, ist vielleicht mehr Rockszene als Oper, ist gespickt mit überraschenden Gags, die das Publikum, bei Opern unüblich, zum Lachen und Johlen bringen, und die Brüche zwischen aggressiv und sentimental gehören zum Stil des Genres. Ob die welterste Steampunk-Oper in die Theater-Geschichte eingeht, lässt sich bezweifeln: sie ist zwar turbulent in Szene gesetzt, aber die eigentlichen Qualitäten, die E.T.A. Hoffmanns spirituelle Erzählkunst ausmachen, erreicht sie nicht.

Audio: Klein Zaches, genannt Zinnober (UA)

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NACH DER FANTAST. ERZÄHLUNG „KLEIN ZACHES, GENANNT ZINNOBER“
VON E.T.A. HOFFMANN KOMPOSITION VON
„COPPELIUS“ UND
THOMAS RIMES

MIT DER NEUEN PHILHARMONIE WESTFALEN

COPPELIUS - DIE BAND
Premiere
14. November 2015
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